Anthropozän, das neue Erdzeitalter?

— ein Kommentar —

Seit Jahren wird über eine Einführung eines neuen geologischen Erdzeitalters, das Anthropozän diskutiert. Die breite Öffentlichkeit erreichte das Thema u.a. durch den niederländische Meteorologen Paul Crutzen, der 2002 mit  den Begriff prägte. Diverse Arbeitsgruppen und Vereinigungen haben sich in den nachfolgenden 15 Jahren bereits für diesen Begriff und die Einführung ausgesprochen. Ob es auch geologisch zu einem neuen Erdzeitalter wird und das bisherige Holozän, in dem wir leben, ablöst, wird die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS) in naher Zukunft entscheiden. Das Thema bleibt also aktuell.

Für die Einführung eines geologischen Erdzeitalters, muss die Diskussion aus geologischer Sicht betrachtet werden:

Wir befinden uns derzeit im Quartär, genauer in der neuesten Serie und Stufe, dem Holozän. Das Holozän begann vor etwa 11.700 Jahren und löst die Kälteperiode einer Eiszeit, das Pleistozän ab. Es folgte der Beginn eines Interglazial, einer Warmzeit innerhalb einer Eiszeit, welches durch einen globalen Temperaturanstieg um wahrscheinlich rund 6°C innerhalb weniger Jahrzehnte eingeläutet wurde. Es folgten weitere, schwankende Temperaturanstiege und folgenden Gletscherschmelzen. So war beispielsweise England durch eine Art Landbrücke, dem Doggerland (nicht zu verwechseln mit dem Bruch der Kontinente vor 160.000 Jahren bzw. 450.000 Jahren) mit Europa verbunden und wurde während der Zeit durch einen fortwährenden Meeresspiegelanstieg zu einer Insel. Das Holozän wird zwar in weitere klimatische und paläobiologische Stufen unterteilt, geologisch gibt es jedoch keine weitere Gliederung in Stufen.

Die Definition des Holozäns war damit geologisch schon strittig, da sie hauptsächlich aufgrund Klimaveränderungen / Eiszeiten festgelegt wurde und nicht wie zuvor anhand Gesteinsschichten und Fossilien. Dennoch waren die Merkmale flächendeckend anhand Bohrkerne in Sedimenten nachweisbar. Zeitgleich mit Beginn des Holozäns erfolgte schließlich der „Siegeszug“ des modernen Menschen. Die Geographie und  Gesellschaftswissenschaften prägten den Begriff der ‚Neolithischen Revolution‘. Nun ist der Faktor Mensch mit seinen damaligen Gestaltungsmöglichkeiten schon in der Serie des Holozäns berücksichtigt. Die Frage stellt sich mit zunehmender Einflußnahme auf die Erde: Soll der Mensch das neue geologische Zeitalter dominierend gestalten und -folgerichtig- gar namensgebend für sein?

Die Basis bildet eine Liste von menschgemachten Veränderungen auf der Erde:

Als signifikante Punkte wären bspw. die Landwirtschaft, Forst und Bergbau, welche die Geomorphologie veränderte. Auch der CO2 Ausstoß, die globale Erderwärmung (obgleich der Anteil Mensch hier ja noch nicht so klar definiert ist) sollen genannt werden. Weiter die radioaktive Elemente in den Sedimenten aufgrund der atomaren Ereignisse. Wir ‚durchlöchern‘ die Erde durch Tunnelbau und Bergbau unter Tage und wir produzieren Unmengen an Plastikmüll… lediglich bei der Festlegung des Beginns des Anthropozän sind sich die Befürworter uneins. Ein festes Datum (erste Atombombe) oder ein kleines Zeitfenster (industrielle Revolution) scheinen derzeit das Rennen zu machen.

bermännischer Tunnelbau

Tunnelbau im bergmännischen Betrieb – ein Beweis zur nachhaltigen Veränderung der Geologie durch den Menschen?

 

Aus geologischer Sicht verhält es sich mit dem Anthropozän jedoch nicht so eindeutig: Signifikante anthropogene Merkmale in abgelagerten Gesteinsschichten sind noch wenig mächtig, (noch) nicht diagenetische Ablagerungen wie Deponien oder ‚Müllberge‘ sind absolut rezente Erscheinungsformen. Von anthropogene Fossilien brauchen wir gar nicht erst reden. Klimatisch sind bis dato die Änderungen nicht über den langen Zeitraum auszumachen, um gleich eine neue geologische Zeit einzuläuten,- ich verweise auf den ersten Absatz, was sich innerhalb des Holozäns ereignete. Es sind in erster Linie nur unsere Erwartungen, dass unser Tun die Erdgeschichte auch für die Zukunft sichtbar verändert (diese Erwartungen teile ich im Übrigen!) und gleichzeitig andere nicht anthropogene Ereignisse schon per se ausschließt. Mit letzterem lehnt man sich schon etwas weiter aus dem Fenster.

Aufgrund Erwartungen und Prognosen eine historische, eine erdgeschichtliche Grenze zu ziehen, mögen sie auch wahrscheinlich sein, ist für mich jedenfalls keine seriöse Geologie. Lasst das doch die Geologen nach unserer Zeit beurteilen.

Das Anthropozän-Konzept ist gesellschaftlich, kulturell, geographisch, klimatisch evtl. bodenkundlich und vielleicht auch ganz anderst motiviert und hat ihre Berechtigung,- es ist aber kein geologisches Konzept. Es will nur Einzug in die Geologie finden. Aus welchen Gründen auch immer.

Nun war die Idee eines Anthropozäns bereits in der Vergangenheit unter Geologen im Gespräch, es bildete aber eher Nebenkriegsschauplätze. Es war und ist für die Geologen im Gelände schlicht unwichtig. Es überrascht mich nicht, dass dem Konzept Anthropozän erst der mediale Durchbruch gelang, nachdem es von den politisch aktiveren Klimatologen postuliert und unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet wurde.

Nur, wie geht die Geologie damit um, dass ‚Fachfremde‘ den Geologen vorschreiben, wie sie ihre Arbeit zu machen habe? Es ist eine Grundsatzfrage in meinen Augen. Will man ungestört Geologie und Forschung betreiben, frei von sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Fragestellungen? Dann wird man eben früher oder später auf Druck von außen reagieren müssen, statt selbst zu agieren. Ich sehe die Geologie als zu wichtig an, um sich vor politischer und gesellschaftlicher Verantwortung zu drücken: Bergbau, Fracking oder Endlagersuche sind allgegenwärtige Probleme/Errungenschaften/Fragen, in denen die Geologie seinen Beitrag liefern muss und ihre Verantwortung zu tragen hat,- was sie erfeulicherweise auch oft tut.

 

Ein Gedanke zu „Anthropozän, das neue Erdzeitalter?

  1. Weinkenner

    Was die Menschen auf unserem Planeten anrichten, ist enorm. Ich glaube daher schon, wir leben im Anthropozän.
    Ich bin kein Geologe. Die Geologie sieht wohl einiges aus anderen Blickwinkeln. Sehr interessante Darstellung finde ich.

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